• Eine Leitplanke für den Datenschutz brechen

    by  • 28. September 2011 • Uncategorized • 9 Comments

    Heute hat Sascha Lobo in seiner Spon-Kolumne wortgewandt auf die deutschen Datenschützer und ihre Unterstützter beim CCC eingedroschen. Der „deutsche“ Datenschutz sei antiquiert. Er würde den Nutzern keinen Verstand zutrauen und sie bevormunden. Wenn Datenschützer die Verkehrsregeln machen würden, wären Autos schon lange verboten, so seine Meinung.

    Es ist Zeit, mal eine Lanze für den Datenschutz zu brechen. Ich glaube an den Datenschutz und halte ein ausgewogenes Datenschutzrecht für notwendig und förderlich. Nicht, weil ich davon ausgehe, dass alle außer mir zu doof wären für sich selbst zu entscheiden. Sondern um überhaupt eine Wahl zu haben. Und um die Entwicklung des digitalen Zusammenlebens zu beschleunigen.

    „Man brauchst Facebook einfach nicht zu nutzen.“ Das ist eines der beliebteren Argumente, auch von Sascha vorgetragen. Es ist das „dann geh doch nach drüben“ des Internetzeitalters. Ich nutze soziale Netzwerke ja gern, ich will meine Daten der Cloud anvertrauen, ich nutze mein iPhone wie kaum ein anderes Gerät zuvor. Muss ich deshalb zwangsläufig damit leben, dass jedes Unternehmen all die Daten die es über mich sammeln kann auch ohne weiteres sammeln darf? Und weiterverkaufen? Ist es nicht absolut legitim ein Mitspracherecht einzufordern?

    Und: besserer Datenschutz würde die sozialen Netzwerke sogar stärken, weil Nutzer, die sich vor dem Missbrauch ihrer Daten geschützt fühlen, eher bereit sind noch mehr von davon rauszurücken.

    Klar, das Auto hätte ein frühes Ende gefunden, wenn es uns von übereifrigen Sicherheitsfanatikern verboten worden wäre. Aber ich bin mir genau so sicher, wir würden uns nicht trauen mit Vollgas über die Autobahn zu brettern, wenn es nicht Leute gäbe, die einsturzgefährdete Brücken sperren und Autos ohne Bremsen stilllegen.

    Datenschutz ist – um bei diesem schief hängenden Bild zu bleiben – die Leitplanke des Internets. Irgendwie einschränkend, klar, aber auch vertrauensbildend.

    9 Responses to Eine Leitplanke für den Datenschutz brechen

    1. 28. September 2011 at 23:48

      Natürlich braucht man Facebook nicht zu nutzen.
      Allerdings finde ich das Argument berechtigt zu sagen, wieso muss ich auf so viel Privatsphäre verzichten nur um einen Dienst zu nutzen? (Klar verdient Facebook genau damit sein Geld, aber ausgrenzend ist es auf jedenfall.)
      Ich empfinde diese Bedingung kann auch sehr stark begrenzend sein für manche. Natürlich kann das Unternehmen Facebook darauf auch einfach sagen: „Tja, Pech“.

      Allerdings finde ich es spannend wo uns das hinführt.

      Züge, öffentliche Plätze, etc. die überwacht werden. – Muss ich ja nicht nutzen?

      Meine Telekommunikation die für 6 Monate gespeichert wird (Internet, Telefon…) – Muss ich ja nicht nutzen?

      Wo hört diese Argumentation auf?

      Giftige Dämpfe in der Luft – Muss die Luft ja nicht nutzen?

      Ich denke es sollte daran gemessen werden, inwiefern man dazu beinahe gewzungen ist bzw. darauf angewiesen ist etwas zu nutzen.
      Sogar in der Schule wird einem aufdiktiert man solle doch bitte das Internet benutzen.
      Wenn man bedenkt welche sozialen Sanktionen Facebook/nicht Facebook nachsichziehen kann, finde ich sollte man das Argument: „Man muss es ja nicht nutzen.“ Auf jeden Fall überdenken.

      Sehr schöner Beitrag 🙂

    2. Torsten
      29. September 2011 at 01:24

      Ich nutze Facebook oder andere soziale Netzwerke nicht. Auch Google Plus nicht. Lediglich Twitter benutze ich, aber mehr passiv als aktiv. Ich habe auch keinen Blog und keine sonderlich öffentlichen dargebotenen Vorlieben. Ich konsumiere im Netz, das jedoch sehr aktiv. Ich habe eine juristische Ausbildung genossen, bin Mitte 30, habe mal einen C64 gehabt und ich weiß, was HTML et al. ist und wie das geht. Nur mal so als persönliche Einordnung. Keiner meiner anderen analogen Freunde – Ärzte, Ingenieure, Lehrer, Fließbandarbeiter – weiß das. Aber alle außer mir nutzen Facebook, teilweise sogar StudiVZ. Aber keiner wiederum ist bei Google Plus („was ist’n das?“). Und keiner von denen nutzt Twitter, außer mir,wie gesagt. Ich hege deshalb den Verdacht, dass diese Unbekümmertheit im Umgang mit den sozialen Netzwerken und deren Probleme mit dem deutschem Datenschutz damit einhergehen, dass sie eine gewisse Ahnungslosigkeit besitzen, eine Art Schäfchenmentalität. Beweisen kann ich das aber nicht. Vielleicht sind sie auch nur uninteressiert oder doof in diesen Dingen.

      Langer Vorrede, kurzer Sinn, ist es so, dass ich viel Sympathie mit den Anliegen des CCC und deren Positionen habe, was z.B. das Postulat nach einem jährlichen Datenbrief angeht, um nur mal ein Beispiel zu nennen. Ich habe auch „Die Datenfresser“ gelesen und das Buch anschließend meinem Vater geschenkt, weil ich es für diese Generation als angemessen geschrieben erachte. Und last, but not least, finde ich die Ziele und Berücksichtigung eines deutschen Datenschutzes mehr als gerechtfertigt.

      Und doch ist es so, dass ich auf dem Standpunkt stehe, dass niemand gezwungen wird, kostenlose soziale Netzwerke, gleich ob Google Plus oder Facebook, zu nutzen. Niemand wird gezwungen, sich dort anzumelden. Oder? Diese Dienste – und da hat Sascha Lobo recht – sind deshalb so populär, weil sie von den Nutzern eben so gern angenommen werden. So weit so gut.

      Wenn also jemand unbedingt etwas aus seinem privaten Erleben (Party, whatever) dort weiterverbreiten will und andere das liken, dann soll das so sein. Wer könnte was dagegen haben?

      Die Grenze von der Freiwilligkeit zum Zwang allerdings wird für mich in Sachen Facebook dann überschritten, wenn z.B. öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten dazu übergehen, Meinungsbefragungen auf Facebook zu ihrem Programm oder sonstigen Dingen durchzuführen, weil sie selbst es offensichtlich nicht hinkriegen, eigene Seiten dafür einzurichten. Dann könnte man in der Tat von einem gewissen Zwang sprechen, sich dort zu registrieren, um an der Befragung teilzunehmen. Dann allerdings würde solch ein Vorgehen die Fragen des Datenschutzes aufwerfen, den deutsche Institutionen ja qua Gesetz einhalten müssen.

      Ich würde demnach unterscheiden zwischen rein privater Nutzung solcher Dienste (reine Freiwilligkeit) und einer „öffentlichen“ Nutzung durch Institutionen (gezwungene Nutzung, sonst keine Teilhabe). Im letzten Bereich würde ich die Einhaltung von Datenschutz unbedingt bejahen. Aber das ist im Hinblick auf den US-amerikanischen Stammsitz der meisten Unternehmen, die soziale Netzwerke betreiben, wohl kaum durchzusetzen. Am Rande: Ein (wenn auch ganz) anderer Aspekt in diesem Zusammenhang ist übrigens die schamlose Weitergabe von Kontodaten (und Flugdaten und und und) von uns Europäern an die Amerikaner zum Zwecke der Terrorbekämpfung! Hier scheint sich die Empörung der deutschen regionalen und nationalen Datenschutzbeauftragten doch sehr in Grenzen zu halten.

      Ich finde aber die von Dir ins Spiel gebrachte Funktion des Datenschutzes als einer „Leitplanke des Internets“ sehr gut. Das trifft es so ziemlich auf den Punkt.

    3. Teo
      29. September 2011 at 11:28

      Als ich Lobos Verbaldurchfall gelesen habe, muss ich mich bei ihm angesteckt haben, denn mir ist prompt übel geworden…

      Er ignoriert die Komplettüberwachung durch Like- und +1-Buttons vollkommen und auch, dass der Otto-Normal-Nutzer sicher nicht von selbst auf die Idee kommt, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Selbstverständlich trifft auch den Datenschutz die Boulevardisierungskeule, aber wenn man der Spackeria nichts entgegensetzt, haben wir bald wirklich den gläsernen Bürger und sind keinen Schritt näher am gläsernen Staat.

      Die Verantwortung für die Daten liegt beim Nutzer. Ihm müssen praktikable Möglichkeiten an die Hand gegeben werden, sich vor dem Zugriff auf diese durch Dritte – zu welchem Nutzen auch immer – zu schützen. Die Art der Nutzung von Daten kann sich in der Zukunft jederzeit ändern und dieses Risiko sollte jedem bewusst gemacht werden.

    4. 29. September 2011 at 11:34

      Ein besserer Datenschutz würde die sozialen Netzwerke nicht stärken. Eventuell würden die Nutzer mehr Daten herausrücken, doch wenn das Unternehmen diese Daten nicht verkaufen oder verwerten darf, was sollen sie dann mit ihnen anfangen?

      Den dummen Spruch „dann nutzt halt kein Facebook“ muss man anders verstehen, nämlich: Baut Euch Euer eigenes Internet. Macht Blogs usw leichter zu installieren, damit die Software dezentral genutzt werden kann. Helft dabei, die Katastrophe *Diapora in irgend etwas brauchbares zu verwandeln oder denkt Euch was besseres aus.

      Man kann Gesetze noch und nöcher erlassen, doch im Netz gilt eben „Code is Law“, oder, früher: „Rough Consensus, Running Code.“ Für Leute, die nur fordern und nichts machen, ist das Internet das falsche Medium. Das Internet ist kein Produkt, sondern ein Raum, der von seinen Nutzern gestaltet werden kann. Wenn die Nutzer das nicht in ihrem Interesse machen, kommt eben jemand und tut es für sie.

    5. Felix
      29. September 2011 at 13:38

      Ihre Meinung steht doch gar nicht im Widerspruch zu der von Sascha Lobo vorgetragenen:

      Es geht ja eben darum, dass Sie mehr Möglichkeiten der Mitbestimmung bekommen, was die Verwendung Ihrer Daten betrifft, als dass die Datenerhebung einfach verboten wird.
      Und dass Sascha Lobo den Datenschutz abschaffen will habe ich in seinem Artikel auch mit keinem Wort gelesen.

      Der Mann scheint ja für viele wirklich ein rotes Tuch zu sein – oh Gott, er sagt was über den Datenschutz, er will ihn bestimmt abschaffen. Nein, will er nicht. Er will ihn nur in einen Zustand bringen, der eben auch mit den Nicht-Paranoikern kompatibel ist und denen die Möglichkeit gibt sich adäquat zu schützen.

    6. 29. September 2011 at 13:52

      Ein Mitspracherecht wären öffentlich zugängliche Schnittstellen mit offenen Standards. Wären die vorgeschrieben, würden sich genügend Fragen nicht stellen.

    7. Max Winde
      29. September 2011 at 15:37

      @erlehmann: mit Mitspracherecht meine ich nicht nur, was mit den Daten gemacht werden darf, sondern in erster Linie, was mit ihnen _nicht_ gemacht werden darf. Da helfen weder offene Standard noch Schnittstellen sondern leider nur Regeln.

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