Laufen
Am 3. November 2024 zog ich meine neuen Laufschuhe an, trat fröstelnd auf die morgendliche dunkle Straße, hörte die Haustür hinter mir ins Schloss fallen und ging Laufen. Meine Therapeutin hatte mir schon öfter gesagt, dass ich Laufen gehen sollte. Ich hab immer gesagt “ja, wäre gut” und es dann sofort wieder vergessen. Wie fängt man sowas an wenn man es vorher nie gemacht hat? So macht man es: man denkt nicht drüber nach, kauft sich billige Laufklamotten, nicht ganz so billige Laufschuhe, sagt sich “morgen gehe ich laufen”, steht morgens auf, denkt nicht drüber nach, zieht sich die neuen Laufklamotten an, denkt nicht drüber nach und geht raus auf die Straße. Und dann steht man da in der Kälte und friert und denkt möglichst nicht drüber nach und das einzige was hilft gegen die Kälte ist loslaufen. Und um nicht zu frieren bin ich losgelaufen. Zwanzig Minuten, mehr nicht. Ich hatte kein wirkliches Ziel, einfach nur Laufen, wenn möglich nicht so erschöpft sein, dass ich gehen muss, aber das ist absolut okay. Strecke egal, Puls egal, Pace egal, Kalorien egal. Das einzige was zählt: 20 Minuten und es muss anstrengend genug sein, dass ich am Ende wenigstens etwas verschwitzt bin. Und Regelmäßigkeit. Alle zwei Tage mache ich das, wenn ich nicht gerade krank bin. Wenn ich morgens aufwache überlege ich ob ich gestern laufen war. Und wenn ich gestern nicht laufen war, dann ist heute ein Lauftag. Alle zwei Tage 20 Minuten peinliches, verschwitztes Rumgelaufe in der Kälte und dann 2860 Minuten nicht mehr an Sport denken. Das ist doch ein sehr fairer Deal, oder? Es ging mir nicht um Fitness, es ging mir nicht um Abnehmen (macht man vom Laufen eh nicht), es ging mir nicht um Aussehen.
Der einzige Grund warum ich es machte war für meine Psyche und damit meine Therapeutin aufhört mich damit zu nerven. Man weiß ja irgendwie auch, dass Bewegung das einfachste, billigste und effizienteste ist, was man gegen ich nenne es mal “Alltagsdepressionen” machen kann. Und für mich muss ich schweren Herzens zugeben: nichts hat mir so massiv geholfen wie Laufen gehen. Fast mehr noch als die teure Therapie, ganz ohne Medikation. Laufen hat mein Leben verändert. Und auch nicht erst nach einem halben Jahr oder so, sondern nach ein, zwei Wochen. Vielleicht sogar schon nach dem dritten mal. Eigentlich direkt nach dem ersten mal, wenn ich ehrlich bin. Ich bin jetzt kein dauergrinsendes Honigkuchenpferd das die Welt immer nur rosarot sieht, ich bin immer noch der alte, aber es ist schon eine elementare Veränderung: es ist mehr Stabilität, mehr Selbstvertrauen. Es ist schwer zu beschreiben. Mein innere Generator schafft die 50 Herz stabiler zu halten, er brummt etwas satter. Stressige Situationen sind immer noch stressig, aber der Puls bleibt stabiler. Ich fühle mich ausgeglichener und deutlich wohler in meiner Haut. Ich denke freier. Meine Laune ist merklich besser, was auch meine Umwelt bemerkt.
Ich höre beim Laufen keine Musik, keine Podcasts, der Takt des Laufens lässt meine Gedanken verstummen. Es ist vielleicht die einzige Zeit die ich mit mir selbst verbringe ohne mich abzulenken. Und das fühlt sich gut an.
Ganz heimlich hat sich auch meine Fitness merklich verbessert. Es gibt hier diese eine Kreuzung über die ich manchmal noch kurz drüber sprinte, bevor sie zu lange Rot ist. Da ging mein Puls vor einem Jahr schon noch etwas hoch, jetzt gehe ich danach einfach weiter. Auch die Zahlen die all meine Devices sammeln sehen freundlicher aus. Mein Körperfettanteil, ein Wert den meine Waage speichert und den ich eigentlich immer nur ignoriert habe, sank im letzten Jahr um 4%, während der Muskelanteil um 4% stieg. Ich laufe nach wie vor so um die 20 Minuten, aber meine durchschnittliche Distanz ist von etwa 2 km auf über 3,1 km gestiegen. Mein Pace lag Anfangs bei etwas 8 Minuten/km, jetzt bei 6,5. Ich schaffe deutlich mehr in der selben Zeit und bin am Ende nicht mehr erschöpft sondern eher entspannt. Neulich habe ich das erste mal Squash gespielt und hatte Spaß. Ich! Spaß am Sport! Und alles was es brauchte war etwas Ausdauer.
Und so laufe ich jetzt bereits seit über einem Jahr. Meine Regel ist immer noch die selbe wir am ersten Tag: alle zwei Tage, keine Ambitionen, 20 Minuten. Und dann 2860 Minuten nicht mehr an Sport denken müssen. Und schon lange will ich es mir gar nicht mehr anders vorstellen.