Deutsche Blogger und Twitterer sind weltoffen, interessiert an Argumenten und Meinungen, kritisch gegenüber Dogmatismus und Engstirnigkeit, schlagfertig, wortgewandt, tolerant und sofort bereit jeden unverzüglich zu steinigen, der es wagt, “der Blog” zu sagen.
Ich selbst werde regelmäßig von Hörern gemaßregelt, wenn ich es wage im mobileMacs-Podcast “das App” zu sagen statt “die App”. Irgendwann habe ich mir dies nämlich aus praktischen Gründen angewöhnt: Man kann es dann synonym und in einem Satz mit “das Programm” verwenden. “Programm” ist ein Begriff, der den meisten doch wesentlich vertrauter sein dürfte als “App”, ein Wort, dass nicht mal die iPhone Rechtschreibkorrektur kennt. Praktische Gründe aber zählen in der Artikeldiskussion nicht viel. Da kommt es, wie so oft in Deutschland nur auf Herkunft und Erbe an und “App” kommt nun mal von “Applikation” und hat damit auch den Artikel geerbt. Auch der Stammbaum von “Blog” zeigt deutlich auf, dass es sich dabei um einen Urururenkel von “Logbuch” handelt, und dieses Wort damit deutlich zur Artikelfamilie der von Dassen gehört und nicht derer von Deren.
Dabei gibt es nur einen Grund, warum uns der eine Artikel mehr behagt als der andere: weil wir es irgendwann mal so gelernt haben. Genau so, wie ein anderer vielleicht denselben Begriff mit einem anderen Artikel zuerst gehört hat.
Wer “der Blog” sagt betreibt auch keine Körperhygiene, hat Mario Sixtus zurechtpointiert. Ich schätze Mario sehr, gerade für seinem unermüdlichen Kampf gegen Aberglauben und Unwissenschaftlichkeit, für freie Netze und Meinungsfreiheit. Um so mehr schmerzt es, wenn ich ihn dann wieder in seinen kleinen Religionskrieg für den einzig wahren Artikel ziehen sehe.
Wir machen uns so gern über Politiker lustig, die sich nicht mit dem Netz beschäftigen. Und wenn sie es doch tun, dann machen wir uns über sie lustig, weil sie “der Blog” sagen. Und dann wundern wir uns lautstark, weil sie unsere Anliegen nicht ernst nehmen und uns ignorieren.
Ständig fordern wir Toleranz ein: Toleranz, für unsere Art mit dem und im Netz zu leben, für unser Kommunikationsverhalten, für unseren Umgang mit Identität und Privatsphäre, für unsere Anliegen und Probleme. Wir empören uns über all jene, die uns mit Skepsis begegnen und nicht jede unserer Eigenarten sofort uneingeschränkt akzeptieren. Und dann springen wir ihnen ins Gesicht, wenn sie einen – aus unserer Sicht, und nur aus unserer Sicht – falschen Artikel verwenden.
Ganz im Ernst: Wie wollen wir jemals zu einer Gesellschaft gelangen, die jeden seine Kultur, Religion, Sexualität, Weltanschauung frei ausleben lässt, wenn wir es nicht mal schaffen solche Nebensächlichkeiten zu akzeptieren oder wenigstens zu ignorieren?
Deutsche Blogger und Twitterer sind weltoffen, interessiert an Argumenten und Meinungen, kritisch gegenüber Dogmatismus und Engstirnigkeit, schlagfertig, wortgewandt, tolerant und sofort bereit jeden unverzüglich zu steinigen, der es wagt, “der...